16. Juni 2013

Endstation Lyndhurst


Long vehicle. no joke.
Das einzige Haus, in dem noch Licht brennt, ist die Tankstelle. Kalter Wind weht aus der endlosen Wüstenlandschaft durch den leblosen Ort und spielt mit dem monotonen Tackern des Roadtrains, der wie so viele Andere an der Seite im Schlamm parkt. Offensichtlich hat der Fahrer sich dazu entschieden, seine Maschine laufen zu lassen. Wahrscheinlich sitzt er mit den anderen Truckern in der abgeschotteten Tankstelle, die auch gleichzeitig als Pub und Frühstücksraum dient, und schaut bei einem kalten Dosenbier australisches Fernsehen. Es ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Ich mache meine Jacke zu und gehe die eine Straße entlang hinaus in die Dunkelheit. Aus der Ferne ist ein Geräusch zu hören, welches ich nicht so wirklich zuordnen kann. Klack klack klack klack. Es scheint näher zu kommen, doch es ist nichts zu sehen. Der Roadtrain neben mir hat seinen Namen wirklich verdient. Drei große Tanks stehen auf insgesamt 15 Achsen mit 58 Rädern. Auf der anderen Straßenseite ist der Grund für die Ansammlung der vielen Lastwagen gerade so im spärlichen Dämmerlicht zu erkennen: Ein großes Schild weist darauf hin, dass die Straße gesperrt ist. Wann sich das ändert, konnte uns Niemand so wirklich sagen. Wir wollen die Nacht noch abwarten. 

Mittlerweile ist das klackernde Geräusch deutlich lauter geworden und ich ärgere mich, dass ich meine Taschenlampe im Van gelassen habe. Nur der Mond, der aufgrund der klaren australischen Luft immer deutlich als Kugel zu erkennen ist sorgt für ein wenig Licht. Ansonsten wäre ich wahrscheinlich auch in die große, schlammige Pfütze getreten, die unweit des Schildes die Straße ablöst. Warum hat es auch ausgerechnet in den letzten Tagen hier soviel regnen müssen? In der Ferne ist das Jaulen von Hunden zu hören. Vorausgesetzt natürlich, in Australien gibt es keine Wölfe, wer weiß das schon so genau? Viel Zeit darüber nachzudenken habe ich nicht, denn das Klackern, welches kurzzeitig verschwunden war, ertönte plötzlich wenige Meter neben mir. Drei große, offensichtlich wilde Pferde waren über das Feld gelaufen und traben nun langsam an mir vorbei. Ihr Ziel war das Gras, welches um einen alten Container im Ort wucherte. Es wird zunehmend kälter und ich spüre, dass ich mich ein wenig erkälte. Ich gehe zum Van zurück, in dem Julius sich bereits in seinen warmen Schlafsack gepackt hat. Hoffentlich bleibt es trocken, damit wir unsere Reise bald fortsetzen können. Es wäre schade, den ganzen Weg bis nach Port Augusta zurückfahren zu müssen. Es war jedoch in jedem Fall die richtige Entscheidung, den Abstecher gen Nordosten zu wagen...

Nachdem die besagte Redback Spider besiegt war und wir sämtliche Sachen in Ludwigs dickem Bauch verstaut hatten verließen wir Port Augusta und erreichten bald das kleine Örtchen Hawker. Hier sollten wir zum letzten Mal für mehrere Tage Handyempfang haben – und damit auch Internet und alle anderen damit verbundenen, gewohnten Annehmlichkeiten wie Wettervorhersagen oder Routenplanung. Die kerzengerade Straße führt immer weiter in die Wüste. Die Umgebung wird zunehmend roter und toter. In der Ferne erheben sich kahle Gebirgsketten. „Man, ist das toll“ sagt Julius, und ich habe Dasselbe gedacht. Alle paar Sekunden passieren wir ein mehr oder weniger verwestes Känguru am Straßenrand. Ab und zu kommt uns ein Auto entgegen oder überholt uns, wobei wir stets freundlich gegrüßt werden. Man kennt sich halt auf dem Lande!
 
Kanyaka Homestead
Wir machen einen Abstecher gen Osten, um den Flinders Range Nationalpark zu besuchen. In Wilpena, dem einzigen Ort dort, quartieren wir uns auf einem großen, aber sehr schönen Campingplatz ein. Hier sammeln sich wohl sämtliche Reisende, die in der Gegend unterwegs sind. Die ganze Anlage ist sehr modern, und neben den fast ausschließlich Allrad-betriebenen Fahrzeugen lodern Lagerfeuer. Verdammt, eigentlich lodern überall Lagerfeuer, nur bei uns nicht! Zahllose Schilder weisen darauf hin, dass das Sammeln von Feuerholz untersagt ist und man welches an der Rezeption kaufen solle. Die hat jedoch längst zu, und es wird immer kälter. So warm es tagsüber in der Sonne auch ist, im Winter ist es nachts im Outback arschkalt. Der eigene Atem nimmt mir die Sicht auf den sonst atemberaubenden Sternenhimmel – Es ist an die 0° Celsius. Julius kommt aus der Dunkelheit zurück, er konnte kein Holz finden. Kann doch nicht sein! Ich mache mich auf den Weg zur Rezeption, wo ich schließlich den Verschlag mit Feuerholz finde. 
Er ist mit einem massiven Eisenschloss gesichert. Made in Australia – das heißt oftmals schlecht oder gar nicht durchdacht. Ähnlich wie bei diesen Geduldsspielen aus Metall bog und zog ich am Riegel und Schließmechanismus herum. Und tatsächlich, nach etwa 10 Minuten hatte ich ohne jegliche Gewalteinwirkung den Riegel in der Hand und das Tor öffnete sich mit einem dezenten Quietschen. Herzlich Glückwunsch, wer auch immer dieses Schloss konstruiert hat – Sie haben zwar den Beruf verfehlt, aber soeben zwei arme Backpacker vor dem Erfrieren gerettet! Während ich klammheimlich einen der schweren Säcke den Berg hinauf schleppte ging mir das Grinsen nicht aus dem Gesicht – Australien pur.


Morgens trafen wir schon wieder Alex und Tor (Victoria), die wir im Hostel in Adelaide kennengelernt hatten. Sie waren offenbar die einzigen anderen Backpacker, die irre genug waren über den Oodnadatta Track nach Coober Pedy fahren zu wollen. Zusammen machten wir uns auf einen Hike auf einen nahen Berg.Julius trug dabei seine Virginity-keeper, merkwürdige australische Schuhe, die für jeden Zeh einen eigenen Hohlraum haben. Der anstrengende Aufstieg wurde durch Ausblicke belohnt, die denen des Grampians NP um nichts nachstanden. 


An alle verwirrten: Nein, das ist kein Adler. Kräächz!
Nach zwei schönen Tagen verließen wir den Flinders Range NP gen Norden. Leider hatten wir bisher keinen der dort beheimateten Keilschwanzadler gesehen. Die gigantischen Vögel mit bis zu 2,84 Metern Flügelspannweite bauen bis zu 5 Meter breite Nester und sind bekannt für ihren gnadenlosen Jagdtrieb. Es dämmerte bereits und ich musste sehr langsam fahren, da die Straße voll von Kängurus war. Man sieht sie einfach nicht, selbst wenn sie direkt am Straßenrand sitzen. Wir waren fast aus dem Park raus, da sahen wir sie: Drei der Adler hackten auf einem toten Kanguru am Straßenrand herum. Durch Ludwig aufgescheucht erhoben sie sich majestätisch in die Lüfte und flogen ein paar Sekunden neben dem Van her. Was für Mordsviecher! Ich weiß gar nicht so genau wie sie aussehen, da ich permanent auf den Schnabel starren musste – es sah aus, als hätten sie einen Felsen im Kopf stecken. Ein Foto gibt es natürlich auch nicht, da für einen Griff zur Kamera einfach die Zeit fehlte. Wenig später war ich in atemberaubender Landschaft auf der Suche nach Feuerholz. Am Horizont geht glühend rot die Sonne unter, und ein paar Meter neben mir hoppelt ein Kanguru vorbei – genau so habe ich mir den Roadtrip vorgestellt!


Am nächsten Morgen regnete es. Verdammt, der nette Opa mit der riesigen Antenne auf seinem Truck hat recht gehabt. Die Mädels brachen früher auf, und als das Schlimmste vorüber war machten auch wir uns auf den Weg. Nördlich des Nationalparks mussten wir etwa 70 Kilometer (von Bilpena zurück auf die Hauptstraße in Richtung Lyndhurst) offroad fahren. Die Straße war als Highway in der Karte eingezeichnet, jedoch mit gestrichelten Linien. Da hätten wir vielleicht mal einen Blick in die Legende werfen sollen! Es war wahrscheinlich die härteste Strecke, die Ludwig jemals zu spüren bekommen hat. Zu Beginn war es sehr steinig, die bekannten Bodenwellen wechselten sich mit Schlaglöchern ab und spitze Steine guckten aus dem Boden. Alle paar Meter hieß es „Reifencheck!“, und wir öffneten die Türen um einen Blick auf die Räder werfen zu können. Es schepperte und wackelte dermaßen, dass wir dachten der Van fliegt auseinander. Tat er aber nicht – braver Onkel! 

Es gab ein paar kleinere Flussdurchquerungen, die ich teilweise unter den skeptischen Blicken von wilden Ziegen umfahren musste. Es ist anscheinend ganz ordentlich Wasser vom Himmel gefallen. Das ist soweit nicht weiter tragisch, jedoch war das letzte Stück der Strecke eine Sandpiste, welche durch den Regen in eine einzige Rutschbahn verwandelt wurde. Das klingt nicht sonderlich spektakulär, aber es war wirklich heftig. Bei einem Tritt auf die Bremse wurde der Wagen kaum langsamer, sondern begann nur in Richtung Graben auf der linken Seite zu rutschen. Ich war permanent nur am Gegensteuern, da der Van immer hinten ausbrach, wenn an einer der Seiten kurzzeitig ein wenig Bodenhaftung war. Fährt man jedoch zu langsam, kann man in der Pampe stecken bleiben oder einfach seitlich von der Bahn rutschen. Kurz vorm Erreichen der Hauptstraße ist es dann passiert: Mit einem Mal bricht der Wagen bei Tempo 50 hinten weg und wir rutschen etwa 60-70 Meter im 45°-Winkel über die Straße, wobei wir ein wenig nach links abdriften. In dem Moment waren wir uns beide sicher: Das Ding kippt gleich um. Irgendwie schaffte ich (oder eher Ludwig) es dann aber doch noch wieder in die Spur zu kommen. Ich hechelte, da ich wohl vergessen hatte zu atmen. „Ich schnall mich dann mal an.“ sagte Julius. Auf den Schock gönnte er sich erst mal eine Zigarette. Das Rauchen wollte er sich eigentlich abgewöhnen, aber das war in dem Moment auch egal. Jubelnd erreichten wir die asphaltierte Straße nach Lyndhurst. Tzz, Landcruiser! Kann ja jeder!

Habe ich ein weißes Auto gekauft?

So kamen wir also in das letzte Kaff vor der großen, unbefestigten Straße. Hier lag absolut der Hund begraben. Oder eben das Wildpferd. Auch am nächsten Tag wusste keiner so genau, wann die Straße wieder geöffnet wird. Zitat:„My friend - Maybe today, maybe tomorrow, maybe the day after. Maybe.“ Wir statteten daher der Polizeistation im nahen Leigh Creek, was man schon wieder fast als „Ort“ bezeichnen kann, einen Besuch ab. Der Sheriff erzählte uns, dass die Straße wohl für mindestens zwei weitere Tage geschlossen bleibt und danach erst mal nur für Allradfahrzeuge geöffnet wird. Und mit Allradfahrzeug meinte er keinen gammligen Subaru, sondern ausgewachsene Geländewagen. Aber selbst die würden momentan dort stecken bleiben. Er hätte ein flaues Gefühl im Magen, weil er sich morgen mit seinem übertrieben großen Nissan (mit drei Ersatzreifen) auf den Weg machen müsse um den Leuten zu helfen. Der Track ist nur bei absoluter Trockenheit überhaupt von 2WD-Fahrzeugen befahrbar, und auch dann eine harte Belastungsprobe fürs Material. Durch Zufall trafen wir wieder die Mädels, sie waren dem Regen vorausgefahren und auf besagtem Track stecken geblieben. Sie hatten sich dort einen Platten geholt und wohl auch eine Radaufhängung gebrochen.

Lyndhurst ist am östlichsten roten Zipfel...
Wir haben also leider keine Chance und müssen zurück nach Port Augusta, um über den Stuart Highway zum Red Center zu gelangen. Tür zu, Musik an, weiter geht’s!

11. Juni 2013

Auf Nichts vorbereitet

Hallo!

Zuerst muss ich doch nochmal erwähnen, dass ich das letzte mal noch nachts 20 Minuten über den Stellplatz geirrt bin, um nach Strom zu suchen. Der letzte Blogeintrag wurde letztendlich mit dem Strom des Handtrockners im Frauenklo hochgeladen. Ja ja, harter Einsatz, nur um euch auf dem Laufenden zu halten!

Auf dem Weg nach Adelaide wollten wir Ludwig einem kleinen Offroadtest unterziehen. Schließlich haben wir noch viel mit ihm vor! Ich schaute auf die riesige Karte, die mir mein Dad zu Weihnachten geschenkt hat und fand einen kleinen Pfad, der zwei Wüstengebiete voneinander trennt. Der Lonely Planet beschrieb die „Straße“ als holprige Schönwetterpiste, die nach Regenfällen teils unpassierbar sei. Regen hat es leider in der letzten Zeit schon ein wenig gegeben. Bevor man zu Wanderungen dort aufbricht sollte man sein Vorhaben bei der örtlichen Polizeistation bekannt geben. Hört sich doch gut an! Wir erreichten die Piste in der Abenddämmerung und nächtigten auf einem sehr idyllischen Campingplatz im Broken Bucket Reserve. Campingplatz heißt meistens Bank, Feuerstelle, Regenwassertank und mit ein wenig Glück ein Klo. Ansonsten kommt der Spaten wieder zum Einsatz.

broken bucket reserve
Am nächsten Morgen ging es dann also auf die besagte Straße, die wenig später auch schon zu einer engen Sandpiste mutierte. 108 Kilometer bis in den nächsten Ort Murrayville hieß es zu bewältigen. Das ist für australische Verhältnisse nicht viel, doch hatten wir zu beiden Seiten nur Wüstenlandschaft und waren fernab der Zivilisation. Ludwig war gut am Klappern und am Schaukeln, aber die Straße war größtenteils gut befahrbar. Einmal war auf einer Kuppe eine Art Grube, die uns ohne Vollbremsung wohl ordentlich zerlegt hätte. Die meisten Stopps waren aber dem Drang nach Verweilen und Fotos in atemberaubender Landschaft verschuldet. Auch das neue Blogtitelbild ist dort, irgendwo am Rande des Big Desert Wilderness Parks, entstanden. Auf der Strecke sind wir nicht einem Einzigen anderen Auto begegnet. Es war einfach toll!

Mein Lieblingsfoto bisher!


Wir passierten schließlich die Grenze nach South Australia und erreichten abends Adelaide. Bereits meine Vierte der fünf großen, australischen Städte. Aufgrund der Regenfälle und einem australischen Feiertag (Die Queen hat heute Geburtstag, hurra, lasst uns Alle nicht arbeiten!) waren die Hostels aber ziemlich ausgebucht. Wir durften Ludwig daher mitten im Zentrum an die Straße vor ein Hostel stellen, die Anlage nutzen und im Auto schlafen. Optimal, da wir so nur die Hälfte bezahlen mussten und man im Van ohnehin besser schläft. Wir besuchten noch einen Nachtmarkt und gesellten uns zu den anderen „Insassen“ des Hostels. Adelaide an sich ist nicht sonderlich spannend, abgesehen von gefühlten 5 Milliarden Kirchen gibt es nicht sehr viel zu sehen. Als wir am nächsten Morgen aus der Stadt fuhren ist uns aufgefallen, dass wir kein einziges Foto gemacht haben. Ich traf mich noch ein letztes Mal mit Daniel und Tom, die gerade in Adelaide einen Freund besuchten bei einem Footballmatch dessen. Anschließend ging es wieder los: Das Ziel heißt Norden.


Abends erreichten wir Port Augusta. Das ist der kleine Ort, an dem man sich endgültig entscheiden muss, ob man die eine Straße in den Westen, die andere Straße in den Norden oder doch lieber irgendwo Richtung Süden / Osten fährt. Im vorerst letzten großen Supermarkt schlugen wir nochmal so richtig zu. Denn was wir vorhaben, ist der Wahnsinn: Wir wollen nicht den Highway nach Coober Pedy nehmen, sondern versuchen, hinter dem Flinders Range Nationalpark über unbefestigte Straßen vorbei am Lake Eyre dorthin zu gelangen. Ob das gelingt wissen wir noch nicht, da der alte Van nicht wirklich dafür gebaut wurde und es nicht immer trocken ist. Wir haben außerdem nur ein Ersatzrad, welches auch ziemlich ersatzig aussieht. Die gute Nachricht aber ist, falls wir stecken bleiben sind wir ausgerüstet:

120l Wasser, 72 Dosen, 4kg Nudeln, 4kg Reis, 5kg Süßkram, 2l Speiseöl, 2.5kg Nüsse, 2kg Äpfel, 1kg Salami, 2kg Käse, 2kg Zucker, 2 Salamis Hartwürste, 1.5kg Gurken, 7 Tomatensoßen, 20 Tütensuppen, 4l Goon, Kaffee, Tee, Bananen, Hack, Zwiebeln, Brandy...

Außerdem 5 Taschen bzw. Rucksäcke voller Kram, diverse Schuhe, zwei 10er Kanister Diesel, 5l Motoröl, 2 Gasflaschen mit je 2kg, der große Gaskocher, ein Tisch, 2 Stühle, ein Swag, eine Box voller Küchenwaren, eine Box voller Werkzeug, Axt, Spaten, Wagenheber, Luftpumpe, 2 Laptops, 2 Kameras, diverse Bücher, 2 Longboards, Feuerholz, Notfallkasten, 20 Rollen Klopapier, 3l Homedefense, Hängematte, 3 Schlafsäcke, 4 Decken, 3 Kissen usw.

Ludwig entpuppte sich als wahres Platzwunder – wir konnten tatsächlich Alles bequem verstauen. Während Julius gekonnt Gepäcktetris spielte, kümmerte ich mich um den Vorderraum. Meine alte Pappbox sorgt nun für dringend benötigte Ablagefächer vorne und ein Nadelkompass wurde in das hochmoderne Cockpit integriert. 

Typisch deutsch - Alles hat seinen Platz

Meine erste Redback
Falls sich Irgendwer die Mühe gemacht hat die Packliste zu lesen, wird er sich vielleicht gefragt haben was „Homedefense“ ist. Den Tipp habe ich über Johannes und Luisa bekommen, deren australische Bekannte damit den Rand ihres Grundstücks einsprühen, um ein halbes Jahr lang Ruhe vor Insekten und Ungeziefer zu haben. Mit dem Zeug bearbeitete ich also Radkästen, Unterboden und alle Ritzen des Vans, wovon Julius zunächst nicht sehr begeistert war. „Scheiss Chemiecocktail!“ Plötzlich baumelte mir hinter dem rechten Hinterrad eine Redback Spider (Rotrückenspinne, giftigste Spinne der Welt) entgegen. Nach fünfminütigem Kampf war das zähe Vieh besiegt. „Sprüh vor Allem auch die Räder ein!“ hieß es dann nur schräg von der Seite – so schnell können sich Meinungen ändern! 

Team 80
Wir geben mittlerweile ein richtig gutes Team ab und können es kaum erwarten, der leeren Weite des australischen Outbacks entgegen zu fahren. Ich habe keine Ahnung, wann ich das nächste mal Handyempfang habe, um einen Blogeintrag hochzuladen. Gerade ist es schon wieder am regnen – drückt uns die Daumen dass wir es nach Coober Pedy schaffen!

Flo

P.S.: Mittlerweile stecken wir in Leigh Creek fest, alle Straßen sind gesperrt. Eintrag folgt!

5. Juni 2013

Great Ocean Road und Grampians NP

Haja go-in!

Blog schreiben mal anders
Während Julius den Gaskocher ausgepackt hat um lecker Stir Fry Reis zu kochen bin ich mit der Axt losgezogen und habe ein wenig Feuerholz gesammelt. Ein schönes Gefühl, nach drei Tagen on the road endlich mal wieder frisch geduscht zu sein. Jetzt bloß aufpassen, dass ich beim Holz hacken nicht wieder anfange zu schwitzen! Die nette Campingplatzoma hat uns sogar Grillanzünder vorbei gebracht, da hat selbst das feuchte Holz keine Chance mehr. Inzwischen sitzen wir gut gesättigt am Feuer, tauschen Fotos und schreiben an unseren Blogs. Die letzten Tage waren richtig schon roadtrippy. Ja, ihr habt es geschafft – die viel zu lange Zeit der bilderlosen Blogeinträge über Jobs und Autoprobleme hat ein Ende gefunden. Es macht auch gleich wieder viel mehr Spaß von Abenteuern in überwältigender Landschaft zu berichten. Aber von vorne...

Habe ich im letzten Eintrag gesagt, wir würden am ersten Juni losfahren? Da habe ich wohl schamlos gelogen. Natürlich haben wir am nächsten Morgen erst gekonnt verschlafen und haben dann festgestellt, dass noch Bier im Kühlschrank ist. So kalt und herzlos sind wir dann doch nicht, die armen Getränke alleine im kühlen Melbourne zurück zu lassen. Also sind wir mit Mischa und Nora losgezogen, um das Melbourner Nachtleben nochmal auf die Probe zu stellen. Es war auch wirklich lustig, wenn man davon absieht das für Eintritt und 2-3 Getränke direkt 50 Dollar fällig werden. Nachts mussten wir uns noch vor einem heftigen Regenguss in einen Burgerladen retten.

Ästhetik pur

Am nächsten Morgen Mittag ging es dann aber endlich los! Wir verließen Melbourne in südwestlicher Richtung und ich fuhr noch ein letztes Mal nach Altona, um geliehene Sachen wieder zurück zu bringen. Es waren dann auch nur noch knappe zwei Stunden Fahrt bis nach Torquay, wo die berühmte Great Ocean Road ihren Anfang hat. Da es schon dunkel wurde sind wir bereits bei Lorne ins Landesinnere abgebogen, um nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu suchen. Praktisch ist dabei der „Camps 6“, ein bekanntes Ringbuch welches fast alle Stellplätze auflistet und kategorisiert. Wir standen also irgendwo im nasskalten und stockfinsteren Wald und begannen, uns unser Abendessen zu kochen. Wirklich gut ist der große Gaskocher, der beim Van mit dabei war – kein Vergleich zu den normalen, kleinen Gaskochern mit Kartuschen. Julius nutzte seinen Magnesiumstab, um ein Feuer zu machen. Irgendwann klarte es ein wenig auf und bevor wir uns zum Schlafen in den Van verkrochen, hatten wir einen echt genialen Sternenhimmel. Wie toll das erst im Outback sein muss!

"Gib mir Essen!"
Montag früh war es wieder nasskalt und richtig ungemütlich. Ich schlüpfte in meinen nicht unbedingt stylischen grünen Fließpullover, den ich seit nun mehr fast 2 Monaten eigentlich jeden Tag anhabe. Bald, baaald werde ich einen Tag ohne dich auskommen, du Symbol des schlechten Wetters! Wir fuhren in gemütlichem Tempo die Great Ocean Road entlang. Okay, in welchem Tempo auch sonst – die Reisegeschwindigkeit von Ludwig liegt bei 70 bis 80km/h auf gerader Strecke. Ich könnte auch ein wenig schneller fahren, aber so läuft der Wagen ganz ruhig und braucht nur sensationelle 7-8l Diesel auf 100km. Es hat einen ganz entscheidenden Vorteil, wenn man im Winteranfang unterwegs ist: Es gibt kaum Touristen. Ab und zu sieht man mal einen Bus voll Digitalchinesen, aber oftmals ist man ganz alleine an wirklich schönen Orten. Wir tuckerten also ganz gemächlich die wirklich schöne, kurvige Küstenstraße entlang und die Landschaft veränderte sich zunehmend hin zu einer zerklüfteten Steilküste. Wir stoppten bei einer kleinen Kommune von Hippies, die ein wenig ins Landesinnere versetzt einen kleinen Tierpark übernommen haben. Da Julius bereits dort gewesen ist war ich schließlich der Einzige, der zu den Kangurus, Wallabies und Rehen ins Gehege ging und die aufgeweckten Dingos auf Trapp hielt. In einer Scheune wurde ich von einem Kakadu mir rotem Kopf attackiert, wie ich später erfahren habe ist sein Name Rex und er ist andauernd irgendwo in dem Tierpark am Essen schnorren, da er nicht mehr Fliegen kann. Wir verbrachten noch ein wenig Zeit mit den Hippies und folgten schließlich wieder der 243km langen, weltbekannten Scenic Road.


Im Sonnenuntergang erreichten wir schließlich das Highlight: Die Twelve Apostel. Der Name ist offenbar schon ein wenig älter, denn ich konnte nur 7 der eindrucksvollen Gesteinsformationen erkennen. Hier war es dann auch wieder ein wenig voller. Julius packte seine Kamera aus und stürzte sich für das perfekte Foto ins Getümmel. Das ist übrigens auch der Grund, warum es in den nächsten Wochen mal anständige Fotos gibt: Er ist leidenschaftlicher Fotograf und hat eine richtig gute Kamera im Gepäck. Ich ging den Steg entlang und verweilte ein wenig an dessen Ende. Es stimmt schon, der Ort hat irgendetwas Magisches. Die Wassermassen der arktischen See rollen auf die Gesteinsinseln zu, die sich tapfer (noch) jeder Witterung widersetzen, bevor sie kurz vor der Steilküste auslaufen und im leuchtend roten Sand verschwinden. Ein Japaner drückte mir seine Kamera in die Hand, wollte aber offensichtlich ein Foto mit uns Beiden anstatt der Landschaft. Wahrscheinlich hat ihn mein Bart beeindruckt, den ich jetzt einfach mal so lange wachsen lasse, bis er mir auf die Nerven geht. Also wahrscheinlich 2 Wochen. 

Wir besuchten anschließend noch die Loch Ard Gorge, dessen berühmter Island Archway erst im Juni 2009 eingestürtzt war. Abends gab es dann noch lecker Dosenfraß an der Steilküste, bevor wir uns nach einem Großeinkauf in Warrnambool vorerst vom Meer verabschiedeten: Auf in den Norden! 



Im Canyon
Bereits am Vorabend hatte ich noch im Dunkeln einen Großteil der Strecke zurückgelegt, sodass wir gestern schon Mittags unser zweites Ziel erreichten: Das verschlafene Örtchen Halls Gap im Grampians Nationalpark. Dort wurde ich direkt von einer Riesenspinne hinterrückes attackiert. Ich war auf der Toilette und beim Verlassen selbiger fiel das besagte Tierchen direkt vor mir auf den Boden und rannte natürlich auf mich zu. Mir blieb nach einem peinlichen Quieken nichts anderes übrig als über das Monster durch die geöffnete Toilettentür in die rettende Freiheit zu springen. Pfui Spinne! Da hatte ich wirklich Gänsehaut. Leider war es auch recht frisch und durch die dichte Wolkendecke fand immer mal wieder ein Wassertropfen den Weg auf unsere Köpfe. Ich musste Julius daher überreden, mich bei der Wanderung zu den Pinnacles zu begleiten. Wie sich herausstellen wird sollte er es nicht bereuen! Der Weg führte zunächst einen Flusslauf hinauf durch eine Schlucht, bevor er sich den Berg hinauf schlängelte. Wir waren schon recht weit oben, als uns ein ausgewachsenes wildes Känguru im weg stand. Der Weg war schmal, und das Känguru offenbar nicht sehr zahm, sodass es vor uns her hoppelte, als würde es uns den Weg zeigen wollen. Wir zuckten ein wenig zusammen und machten uns ganz dünn, als es sich spontan dazu entschied umzukehren und auf uns zu hüpfte. Kein angenehmer Moment, da die Tiere -so süß sie auch sind- mit ihren kräftigen Tretern und Krallen echt gefährlich werden können. Der Kollege fühlte sich aber anscheinend nicht angegriffen, sondern war wohl nur genervt von den beiden Zweibeinern die ihm ja aus irgendeinem Grund die ganze Zeit folgten. Auf dem Rückweg sollte sich das ganze Spiel nochmal wiederholen. 
Bisl Parkour
Roo versteckt sich


















Oben angekommen hatten wir einen dieser Wow-Effekte, die Australien ab und zu mal locker aus dem Ärmel schüttelt. Wir waren grade eben unter der Wolkendecke und hatten eine phänomenale Aussicht auf Halls Gap und die umliegende Landschaft. Wir hielten uns dort ein gutes Stündchen auf, bevor wir uns auf den Rückweg machten. Schon aus der Ferne erkannten wir auf dem Parkplatz die Lunchbox, wie Mischa meinen Van immer nannte. Den Abend verbrachten wir an einem nahen See, wo die Reste von Ollies Bettkonstruktion verfeuert wurden um Würstchen zu grillen. 


Es war ein wirklich schöner Tag, doch der Heutige sollte nochmal einen draufsetzen. Wir waren bei den Balkonies, wo besonders das „Mouth of Death“ ein beliebtes Fotomotiv ist. Ein dünner Felsvorsprung ragt hierbei einige Meter in die atemberaubende Landschaft hinaus. Mittlerweile ist der Ort für Besucher gesperrt, doch die Absperrung lässt sich recht leicht umgehen. Dort traf ich schließlich auch Andreas und Ben aus Deutschland, die sich an genau diesem sensationellen Ort, quasi an der Oberlippe des Mouth of Death, mit Klettergeschirr abseilten. Wir kamen ins Gespräch und ehe ich mich versah hatte ich ein Seil in der Hand und verlagerte mutig all mein Kampfgewicht in Richtung Abgrund. Was für ein irres Gefühl, absolut genial! Die übrigen Besucher schauten ein wenig doof, doch ich blieb ein paar Minuten dort hängen und genoss die Aussicht. Jetzt haben sie halt alle einen Backpacker, der grün und bärtig in ihrem Tourifoto rumbaumelt. 

the mouth of death


Wir suchten uns einen bezahlten Campingplatz mit Duschen in der Umgebung aus und beschlossen, eine unbefestigte Straße als Abkürzung dorthin zu fahren. Die Fahrt war recht abenteuerlich, doch Lootwick steckte sämtliche Bodenwellen und groben Schotter locker weg. Leider hatten wir keine richtige Karte und kein GPS-Empfang, und die Schilder waren auch nicht wirklich aufschlussreich. Wir fuhren also nach Bauchgefühl und bogen immer in die Richtung ab, von der wir meinten, dass sie eher hinkommen könnte. Das klingt jetzt nicht spektakulär, aber auf einem riesigen Kontinent, wo oft Stundenlang keine Abzweigung kommt steht so etwas bestimmt nicht im Handbuch für sicheres Navigieren. Die Straße wurde auch immer schlechter, und mir wurde ein wenig murmelig. Irgendwann erreichten wir aber Farmen und kamen schließlich unweit unserer Destination an der Hauptstraße raus. Hehe, so wars geplant! Die letzten Kilometer zum Campingplatz musste ich sehr langsam fahren, damit mir kein Känguru vor den Wagen springt. Das Fleisch macht sich einfach nicht so gut in einer Reispfanne.

doing doing doing

Mittlerweile ist das Feuer nur noch am glimmen und Julius bereits fleißig am Schnarchen. Naja, man gewöhnt sich an Alles! Bis jetzt hatte ich wirklich großes Glück mit meinen Reisegefährten. Morgen werden wir schließlich gen Adelaide aufbrechen und wenn nichts dazwischen kommt sind wir in einer Woche bereits mitten im gnadenlosen Outback. Wundert euch also nicht, wenn Antworten per Mail usw. ein wenig auf sich warten lassen – sollte die Monsterspinne uns nicht gefolgt sein bin ich aber wahrscheinlich noch am leben! Machts gut und bis bald,

Flo